Flurfunk, Watercooler Conversations und Office Grapevine
Montag, 08. November 2010Der interessante – und sich übrigens auch für den Auftraggeber ökonomisch auszahlende – Vorteil an Beratungsprojekten ist in der Regel, nicht immer, die externe Sicht auf die bestehenden Sachverhalte im Unternehmen. Damit ist zum einen die “frische”, “unbelastete” Perspektive gemeint (die kann sich aber auch leicht als nicht-realistischer Gemeinplatz herausstellen), zum anderen aber, und oft viel wichtiger, der simple Fakt, dass man nicht unmittelbar und abhängig in Lohn & Brot des Auftraggebers steht, also das eigene ökonomische Fortkommen der nächsten Jahre nicht auf Gedeih und Verderb “dem Chef” oder dem Wohlwollen Dritter ausgesetzt ist und man so Freiräume hat, die es zu nutzen gilt.
Zu dieser meist explizit vom Auftraggeber gewünschten, quasi aber dialektischen Rolle (bezahlt, aber unabhängig) sei auch ein kleiner Querverweis auf eine sozialwissenschaftliche Methodik erlaubt: die Rolle der teilnehmenden Beobachtung wurde in der Ethnologie Anfang des vorigen Jahrhunderts entwickelt und angewendet und kann auch für die Analyse von Unternehmen und Geschäftsprozessen wertvolle Einsichten liefern. Die dem Berater im Unternehmen eigene Rolle ist eben immer auch die des “Ethnologen”, der “von bloßer physischer Präsenz bis zur vollständigen Interaktion mit eigener Rolle in der Gruppe” verschiedene Levels der Aktivität zeigen muß, um eine adäquate Bestandsaufnahme und Einsicht zu erreichen.
Kaum zu unterschätzen ist in diesem Zusammenhang die Unterscheidung zwischen dem “offiziellen Betriebswissen” (Organigrammen, dokumentierten Geschäftsprozessen, Intranet-’Wirklichkeiten’ etc.) und den tatsächlichen Verhältnissen, zum Beispiel ungeschriebenen Gesetzen, nicht offen ausgetragenen Konflikten, Gruppenbildungen, Animositäten, Traditionen, Kommunikationsdesastern.
Gerade unter den letztgenannten Gesichtspunkten habe ich, selbst Nichtraucher, in allen Unternehmen immer die Raucher um ihre ritualisierten Kommunikationsformen beneidet. Das regelmäßige Treffen vor der Tür oder in Raucherräumen mit einem festen, nur leicht fluktuierenden Personenkreis (bestimmt duch schwer vorhersagbare Nikotinspiegel) hat immer für einen enorm hohen Informationsstand der Raucher gesorgt, gerade was das informelle Betriebswissen anging. Das, was gemeinhin im Deutschen als “Flurfunk” bezeichnet wird (und es sogar zu einem Wikipedia-Artikel gebracht hat) und im Angelsächsischen unter der ebenfalls recht plastischen Bezeichnung “Watercooler Conversations” oder auch “Office Grapevine” firmiert, ist eben auch eine wichtige und bedeutende Art des Betriebswissens, des im Unternehmen gehaltenen Wissensbestandes und Know-hows.
Anekdote am Rande: in einem großen Beratungsprojekt hat der mich einweisende Kollege (seit Jahrzehnten im Unternehmen) mir am ersten Tag die offiziellen Organigramme, die Prozessdefinitionen und die Organisation der Abteilungen erklärt und erläutert. Aber im selben Gespräch, direkt nach der Darlegung der offiziellen Strukturen, folgte eine umfangreiche und tiefgehende Erklärung der TATSÄCHLICHEN Verhältnisse, der inoffiziellen Organigramme, der Wer-spricht-mit-wem-und-mit-wem-nicht-Situationen. Die dadurch möglich gewordene und völlig im Sinne des Auftraggebers liegende Zeitersparnis und Effizienz bei der Lösung einer schwierigen und verfahrenen Projektsituation war enorm.
Conclusio: Gefragt ist im beratenden Gewerbe eine andere Sicht der Dinge, eine Verbesserung der unmittelbaren Zustände, das Einbringen von Erfahrung aus ähnlichen Projekten, eine tatsächliche Optimierung der (Geschäfts)Prozesse oder einfach (nunja…) eine Lösung verfahrener, oft auch rechtlich heikler Situationen. Um das zu erreichen, sollte das inoffizielle Wissen im Unternehmen in keinem Beratungsprojekt unterschätzt und immer beachtet werden. Jenseits der schönen Powerpoint-Wirklichkeiten (mein Favorit: der sich in einer Kreisgrafik (oder sollte man sagen: Hamsterrad?) stetig wiederholend ‘Prozess’ ohne Fortschritt) ist der Berater eben immer auch Ethnologe, eine aufnehmende und Einsichten erwerbende Person, die – auch als Nichtraucher ;-) – die tatsächlichen Vorgänge im Unternehmen kennen muß.



